Patrick Lohse  Resident 2021

Patrick Lohse





Patrick Lohse studierte von 2015 bis 2020 an der Folkwang UdK in Essen Fotografie. In seinen künstlerischen Arbeiten nutzt er Strategien des Dokumentarischen, um visuelle Gegenmodelle und spekulative Perspektiven auf die Wirklichkeit zu entwickeln.

In seiner Residenz im Kunsthaus Mitte wird er die Straßen und Plätze der Stadt Oberhausen als ein Archiv gesellschaftlicher Machtverhältnisse betrachten. Ausgangspunkt für sein Projekt ist die Beschäftigung mit der Oberhausener Stadtgeschichte, die wesentlich diverser ist, als es die Namen der Wege, Straßen und Plätze zu erkennen geben. Diesem „Ungleichgewicht der Erinnerung“ im Stadtraum wird Patrick Lohse nachspüren, indem er Bürger*innen, Initiativen und Institutionen Oberhausens dazu einlädt, gemeinsam nach bisher vergessenen Held*innen zu forschen. In einer Publikation, die zum Abschluss der Residenz erscheint, werden die Ergebnisse durch eine hypothetische Überlagerung zumindest fotografisch mit dem Oberhausener Stadtraum verwebt. Dabei geht es sowohl um die Frage danach, wer oder was sich zukünftig in öffentliche Räume einschreibt, als auch um den konstruktiven Umgang mit der Erinnerung an vermeintliche Helden, die wir heute nicht mehr als solche betrachten.

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Differenzen und Bruchlinien

 

Der Fotograf und Filmemacher Patrick Lohse war im Frühjahr 2021 Resident des Kunsthauses Mitte in Oberhausen. Im Interview erzählt er von seiner Arbeit zu Oberhausener Straßennamen hinter denen sich mehr als nur Stadtgeschichte verbirgt.


Womit beschäftigst du dich während deiner Residenz im Kunsthaus Mitte?

Meine Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie Erinnerungskultur im öffentlichem Raum ausgestaltet wird. Am Beispiel von Straßennamen versuche ich der Frage nachzugehen, an wen und was in diesem Gedenkraum erinnert wird und auf welche historischen Narrative sich bezogen wird. Da die Benennung von Straßen schon seit Langem ein Politikum ist, schreiben sich durch die Benennungen immer auch bestehende Machtverhältnisse und ein spezifischer Zeitgeist in die Städte ein. Da jede Zeit ihre eigenen Held*innen hervorbringt und sich stets darum bemüht, diese entsprechend zu würdigen, ist die Beschäftigung mit der Benennung des öffentlichen Raumes zunächst ein Blick in die verschiedenen Erinnerungskulturen der Vergangenheit. Dabei zeigen sich aber auch sehr deutlich die kontinuierlichen Disbalancen, die unsere Gesellschaft epochenübergreifend begleitetet haben. Frauen wurden beispielsweise bis in die jünsgte Vergangenheit nur sehr geringfügig bei der Vergabe von Straßennamen berücksichtigt. Auch wurde mit großer Vorliebe an Personen erinnert, die auf die eine oder andere Weise Machtpositionen innehatten. Besonders beliebt waren auch vermeintliche Kriegshelden etwa aus der Kolonialzeit. Diese Asymmetrien der Erinnerungskultur (im öffentlichen Raum?) möchte ich in Frage stellen.

 

Wer sind denn die vermeintlichen Helden Oberhausens? Welche anderen Held*innen hast du durch deine Arbeit entdeckt?

In Oberhausen zeigt sich auf den ersten Blick ein für Deutschland relativ typisches Bild. Ein großer Teil der Straßen wurde nach geografischen Kriterien benannt wie zum Beispiel die Duisburgerstraße, die Essenstraße, die Ruhrorterstraße usw. Die Straßen, die nach Personen benannt wurden, würdigen meist Persönlichkeiten aus Politik, Militär und Wirtschaft. Konrad-Adenauer-Allee, Ebertstraße, Nettelbeckstraße, Tirpitzstraße, Fritz-Thyssen-Straße et cetera. Interessant ist, dass in Oberhausen aber auch einige Straßen nach Menschen benannt wurden, die während der NS-Zeit Widerstand geleistet haben oder die eine politische Vorreiterrolle eingenommen haben. So wird zum Beispiel Luise Albertz, die durch ihre Wahl zur Bürgermeisterin von 1946 bis 1948 als erste Frau in der BRD dieses Amt bekleidete, gleich mehrfach gewürdigt. Dass es in Oberhausen auch solche, aus meiner Sicht positiven Gegenbeispiele gibt, war einer der Gründe sich genau hier mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

 

Welche Bedeutung haben Straßennamen für die Menschen in Oberhausen? Welche Erfahrung hast du während deiner Arbeit diesbezüglich gemacht?

Im Alltag, das ist zumindest mein Eindruck, dienen die Namen in erster Linie zur Orientierung und Navigation. Die Geschichten und Personen, die hinter einem Straßennamen stehen, sind sehr häufig gar nicht mehr bekannt und damit zumindest theoretisch bedeutungslos. Das ändert sich aber sofort, wenn jemand auf die Idee kommt, eine bestehende Straße umzubenennen. Diese Debatten werden häufig sehr emotional geführt und haben eine stark polarisierende Wirkung. Bevor eine Umbenennung zustande kommt, gibt es oft jahrelange Konflikte und in nur sehr wenigen Fälle geht aus diesen Konflikten eine Entscheidung im Konsens hervor.

 

Wer entscheidet denn eigentlich, wie eine Straße heißt?

In Deutschland werden die Straßennamen normalerweise von den Bezirksvertretungen bestimmt. Teilweise werden aber ganz verschiedene Akteur*innen eingebunden. Es gibt hier keine bundesweit einheitliche Regelung. Auch nach welchem Verfahren die Benennung bestimmt wird, ist nicht einheitlich geregelt.

 

Das Kunsthaus Mitte liegt auf der Paul-Reusch-Straße. Wer war Paul Reusch?

Paul Reusch war zwischen Ende des 19 Jhd. und Mitte des 20. Jhd. ein einflussreicher und mächtiger Wirtschaftsfunktionär. Er war viele Jahre Vorstand der Gutehoffnungshütte (GHH) und organisierte etwa die Umstrukturierung der GHH zur MAN AG. Für die Region hat Reusch nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht eine extrem wichtige Rolle gespielt. Doch sein politisches und unternehmerisches Vorgehen wird heute durchaus kritischer bewertet als zu der Zeit, in der die Straße nach ihm benannt wurde. Es gibt beispielsweise Hinweise darauf, dass Reusch sehr gute Beziehungen zur Heeresleitung der Weimarer Republik hatte und die geheime Wiederaufrüstung Deutschlands nach dem 1. Weltkrieg mit vorangetrieben hat. Unter großem Druck der Nationalsozialisten gab er zwar 1942 seine Tätigkeit in der GHH auf. Diesen Rücktritt betonte er nach 1945, um innerhalb der Entnazifizierungsverfahren günstiger wegzukommen. Doch einige seiner Aussagen vor und während der NS-Zeit stehen dem grundsätzlich entgegen. 1931 forderte er beispielsweise, dass das deutsche Volk „von einer starken Hand geführt“ werden müsse und gemeinsam Opfer erbringen solle. Er sah die, ich zitiere, „Kultur der weißen Rasse“ dem „Untergang“ geweiht. Und schon 1927 schrieb er in einem überlieferten Brief, dass die Deutschen ein „Volk ohne Raum“ seien.

 

Sollten wir also die Paul  - Reusch – Straße umbenennen? Beziehungsweise: welchen Umgang mit diesem Straßennamen schlägst du vor?

Diese Entscheidung muss ich zum Glück nicht treffen. Bei den Gesprächen, die ich während der Recherchephase geführt habe, ist die Paul-Reusch-Straße mehrfach Thema gewesen. Die Meinungen dazu, ob eine Umbennung in diesem Fall der richtige Weg ist, gingen dabei natürlich auseinander. Konsens war aber, dass die Kommentierung, wie sie derzeit unter den Straßenschildern angebracht ist, zu kurz greift. Er war eben ganz klar mehr als ein „Wirtschaftspionier“.

 

Du hast sehr viel Wissen zu deinem Thema gesammelt. Wie genau hast du dich deiner Fragestellung angenähert?

Nach einer ersten Recherchephase habe ich vor allem Kontakt zu verschiedenen Institutionen, Initiativen und Akteur*innen in Oberhausen gesucht, um ein Stimmungsbild einzufangen. Mich hat dabei vor allem interessiert, welche Prozesse und Konflikte sich lokal bereits vollzogen haben und wie diese verlaufen sind. Danach habe ich mich noch einmal etwas konkreter mit den überregionalen und teilweise auch internationalen Diskursen zu Erinnerungskultur und Straßennamen beschäftigt.

 

Mit welchen Methoden hast du deinen Arbeitsprozess gestaltet?

Meine Methoden zur Realisierung der Arbeit gingen sehr stark von den Recherchen aus und setzten diese auch stellenweise fort. Ich habe wieder versucht, möglichst viele lokale Initiativen und Akteur*innen zu kontaktieren. Mir ging es dabei darum, in die symbolischen Umbenennungen, die ja ein zentraler Teil meiner eigenen, künstlerischen Arbeit sind, möglichst viele Stimmen einzubinden. Beispielsweise habe ich Initiativen, die zum Thema Post-Kolonialismus arbeiten, um Namensvorschläge für Umbenennungen von Straßen gebeten, die bis heute jene Admiräle und Offiziere würdigen, die während der deutschen Kolonialzeit extrem gewaltvoll Land unter ihre Kontrolle gebracht haben.

 

Wie ist dieser Prozess verlaufen?

Erwartungsgemäß gab es sehr unterschiedliche Reaktionen. Da es ja nicht um tatsächliche Umbenennungen geht, gab es auch Initiativen, die sich nicht für das Projekt engagieren wollten. Trotzdem habe ich zahlreiche Vorschläge und wichtige Hinweise aus ganz verschiedenen Spektren erhalten. Teilweise gab es auch bereits Publikationen in der explizit Vorschläge zu Umbenennungen gemacht wurden. Großes Interesse hat das Projekt vor allem in Oberhausen hervorgerufen. Es gab sehr konstruktive und interessante Gespräche etwa mit der Gedenkhalle Oberhausen, dem Stadtarchiv Oberhausen, der Gleichstellungsstelle Oberhausen und Einzelpersonen, die selbst zu diesem Thema arbeiten.

 

Welche Rolle spielt die Fotografie in deinem Projekt? Was fotografierst du und warum?

Die Fotografie besitzt als Medium immer noch eine sehr große und unheimlich anziehende Glaubwürdigkeit. Gerade in Kombination mit einer Bildunterschrift gilt sie, trotz aller Manipulationsmöglichkeiten, als beweiskräftig. Diesen Moment des Fürwahrhaltens der Relation zwischen Bild, Bildunterschrift und Wirklichkeit ist das Spannungsfeld, dass ich versuche mit meiner Arbeit zu erzeugen. Dafür habe ich sehr sachliche Ansichten von Straßen in Oberhausen fotografiert und mit spekulativen, symbolischen Bildunterschriften kombiniert.

 

Weshalb verwendest du dieses spekulative Moment?

Dass es mir nicht so sehr darum geht, die Wirklichkeit in ihrer gegenwärtigen Präsenz exakt abzubilden, sondern die Realität in einer Art und Weise zu zeigen, in der die Frage danach, wie etwas sein könnte, in der Vordergrund rückt. Damit will ich nicht behaupten, dass ich als Künstler die richtigen Antworten schon gefunden hätte. Ich verstehe meine Arbeiten vor allem als einen Ausgangspunkt und als Räume des Diskurses. Sei es durch Provokation, durch Gegenmodelle oder durch eine strenge Fokussierung auf Positivbeispiele. Es geht mir immer um einen Rahmen für Diskurse. Der Modus des Dokumentarischen ist dabei eine Ausdrucksform, die mit ihren spezifischen Eigenschaften und Zuschreibungen für mich einen überaus vielsagenden Gegensatz zwischen Bild und Wirklichkeit eröffnet. Für mich als Künstler sind es genau diese Differenzen und Bruchlinien, aus denen sich die besagten Diskursräume konstruieren lassen.


Interview: Elena Ubrig

©Kunsthaus Mitte 2020